Aus den Klauen der Sucht befreien – es gibt Hilfe in der Wetterau
Was das Zentrum leistet
Um knapp 1000 Klienten pro Jahr – inklusive Angehöriger von suchtkranken Menschen – kümmert sich das Zentrum für Jugendberatung und Suchthilfe. 28 Mitarbeiter inklusive der Leitung sind insgesamt dort tätig. Das heißt in Friedberg und in den Außenstellen in Büdingen, Nidda, Bad Vilbel und Karben. Das Team berät die Menschen, bietet zudem ambulante Reha und Suchtnachsorge an, beides nach einem stationären Aufenthalt. Zwei Mitarbeiter gehen in Schulklassen und machen dort verschiedene Projekte. In der Fachstelle Suchtprävention sitzt ein Kollege, der sich um Prävention in Kitas und Grundschulen kümmert. Das Zentrum betreibt außerdem zwei Jugendclubs in Rosbach und kümmert sich dort um die Flüchtlingshilfe. Darüberhinaus gibt es Plätze für betreutes Wohnen: In Bad Nauheim sind es neun Zimmer, in Friedberg 17. Dieses Angebot richtet sich an Erwachsene mit Suchtproblem, die dort abstinent leben müssen. Sie bekommen Unterstützung etwa bei der Jobsuche, bei Behördengängen oder bei der Suche nach einem Therapieplatz. Wer sich in Friedberg oder in einer Außenstelle beraten lässt, kommt zu einem Termin oder öfters, teilweise auch über mehrere Jahre. Das Zentrum für Jugendberatung und Suchthilfe gehört zum Verein „Jugendberatung und Jugendhilfe“.
Wenige Tage vor Falkensteins Start in den Ruhestand und Zajacs Beginn in Friedberg haben sich beide im Büro in der Bismarckstraße eingefunden, um über Facetten der Sucht zu sprechen. Es geht um die akuten Folgen, etwa wenn ein Jugendlicher durch kurzzeitigen Lachgas-Konsum derart schlimme neurologische Schäden davonträgt, dass er an den Rollstuhl gefesselt ist. Es geht um langfristige Auswirkungen, etwa wenn der Familienvater mit Fußballwetten Haus und Hof verspielt.
Crack-Konsumenten am Bahnhof
„Deutschland zahlt lieber für die Folgeschäden, als dass es präventive Maßnahmen finanziert. Das finde ich fehlerhaft“, sagt Falkenstein. „Egal ob es um Bewegung geht, ob es um Ernährung geht, ob es um Drogen geht, ob es um Kriminalität geht. Überall zieht sich dieser rote Faden durch.“ Zajac greift das Stichwort Prävention auf. Die mache das Zentrum für Jugendberatung und Suchthilfe auch in Schulen und sogar in Kitas. „Wenn ich kleine Kinder im Restaurant am Handy sehe, damit die Eltern in Ruhe essen können, da fängt das schon an. Oftmals ist es mit 15, 16 zu spät. Gerade Mediensucht ist ein Riesenthema.“
Der Zugang zur Sucht sei einfacher geworden, kritisiert Falkenstein. „Früher hat man sich das Koks im Darknet bestellt, heute kann man es sich im Päckchen per Uber nach Hause liefern lassen.“ Und, ergänzt ihre Nachfolgerin, nicht jedem sei die eigene Sucht bewusst.
Wann kommt der Moment, in dem sich jemand für eine Beratung entscheidet? „Manchmal sitzt da ein junger Student, der 2000, 3000 Euro verspielt hat, aber jede Woche 20 bis 30 Stunden spielt. Oder ich habe einen fast schon Obdachlosen da, der nicht mehr weiter kann und suizidal ist. Für jeden gibt es irgendwo eine andere Schmerzgrenze.“ Alkohol rieche man, Spielsucht sei eine stille Sucht. Heißt eben auch: Das Umfeld, das einschreiten könnte, merkt es mitunter erst spät. „Das Schlimmste ist der erste große Gewinn. Das ist der Anfang vom Ende“, sagt Patricia Zajac. Danach verliere man meistens, und diesen Verlust wolle man wieder reinholen. „Dann ist man in dieser Spirale drin, in diesem Teufelskreis.“
Was sind die vorherrschenden Süchte in der Wetterau? Der Anteil harter Drogen wie Kokain, Heroin oder Crack sei verschwindend gering, sagt Beatrix Falkenstein. Wobei neuerdings Crack-Konsumenten am Friedberger Bahnhof beobachtet würden. Aber: „Der Hype bei uns sind Cannabis, Alkohol, Benzodiazepine und Amphetamine.“ Bei den stoffungebundenen Süchten sei vor allem die Mediensucht zu nennen, auch die Kaufsucht, und nahe an Glücksspiel- und Alkoholsucht liege die Pornosucht. Von letzterer seien zwar relativ wenige Menschen betroffen, die Zahl steige aber.
Besonders verzwickt ist die Kaufsucht, denn ums Einkaufen kommt man ja nicht herum. Während des Bestellens werde Dopamin ausgeschüttet, sagt Zajac. „Viele Päckchen werden gar nicht ausgepackt.“ Oft fehle der Bezug zum Geld, weil man jede Kleinigkeit mit der Karte bezahlen könne.
Welche Süchte bereiten den beiden Expertinnen die meisten Sorgen? Cannabis und Lachgas sowie bei den nicht stoffgebundenen Glücksspielen, Kaufsucht und Pornosucht.
Egal, worum es geht: Das Zentrum für Jugendberatung und Suchthilfe möchte Menschen aus den Klauen der Sucht befreien. Beatrix Falkenstein sagt: „Niemand muss sich schämen, in die Sucht gerutscht zu sein. Jeder kann zu uns kommen. Wir gehen ganz wertfrei mit dem Thema um und leisten Hilfestellung.“